Nach Italien!

Der Himmel im «klassischen Land»

«Viaggio in Italia. Künstler auf Reisen 1770-1880» – eine Ausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe

Unter dem Titel «Viaggio in Italia» zeigt die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, wie die Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts im Süden die Idee vom Erhabenen in der Natur, den Kanon der klassischen Literatur und das Licht des Himmels suchten.

Von Lorenz Enderlein

Der Feuer speiende Vesuv des französischen Malers Pierre-Jacques Volaire bei Nacht, Philipp Hackerts Horaz-Knabe, im Schatten knorriger Eichen entschlummert – in den beiden Auftaktgemälden der Karlsruher Ausstellung «Viaggio in Italia. Künstler auf Reisen 1770-1880» verdichten sich die Facetten eines Italienbildes, das die Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts nach Süden führte: Die Idee vom Erhabenen in der Natur und von südlicher Idylle, der Kanon der klassischen Literatur, die naturwissenschaftliche Neugierde. Hinzu kamen die anhaltende Antikenbegeisterung und die Bewunderung für die italienische Kunstgeschichte, im fortschreitenden 19. Jahrhundert zunehmend auch die Faszination für Volkskundliches. Und immer wieder das Licht des südlichen Himmels, das, in der Klarheit der Wintertage oder in der Glut des Sommers, den Maler zwang, seine Auffassung von Landschaftsmalerei und den Umgang mit der Farbe zu revidieren.

Ein Stück eigene Geschichte

Wie kaum eine andere Einrichtung in der deutschen Museumslandschaft erscheint die Karlsruher Kunsthalle für die Ausrichtung einer solchen Schau prädestiniert. Der 1846 entstandene Bau und sein Fassadenprogramm zeugen von der Italienbegeisterung des badischen Grossherzogs Leopold und des Architekten Heinrich Hübsch (1795-1863). Auch ihr erster Direktor, der Maler Carl Ludwig Frommel (1789-1863), zehrte in seinem Werk von den Früchten seiner Italienaufenthalte. Schliesslich verwiesen die Ausbildungsziele der 1854 gegründeten Karlsruher Kunstschule immer wieder auf das Land südlich der Alpen.

Und man wird es – in Zeiten spektakulärer Wanderausstellungen und aufwendiger Leihverfahren – als eine besondere Tugend vermerken dürfen, wenn ein Haus eine solche Ausstellung ausschliesslich aus eigenen Beständen bestreitet, um auf diese Weise gleichzeitig ein Stück eigener Geschichte aufzuarbeiten. Im Vergleich zu der thematisch verwandten, vor einigen Jahren in München gezeigten Schau «Kennst Du das Land? Italienbilder der Goethezeit» ist das Thema in Karlsruhe weiter gefasst, umgreift die Entwicklungen eines Jahrhunderts und geht – zumindest punktuell – über das Phänomen der Landschaftsmalerei hinaus.

So etwa mit der Präsentation ausgewählter nazarenischer Kartons aus der bedeutenden Sammlung, die noch unter der Ägide von Hübsch und Frommel angelegt worden war. Die Arbeiten des in Rom lebenden Malers Friedrich Overbeck (1789-1869) oder die seines Freundes und Kollegen Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) machen unmittelbar deutlich, wie direkt die Maler des Lukasbundes den Werken Peruginos und Raffaels huldigten, aber auch, wie bewusst sie sich angesichts einer thematischen Aufgabe an einem bestimmten historischen Vorbild orientierten. Ein Phänomen stilistischer Reflektiertheit, das Schnorr selbst einmal mit der Metapher umschrieben hat, die Kunst seiner Zeit habe «ihre Unschuld verloren».

Die gesonderte wirtschaftliche Vermarktung der Kartons war von den Künstlern meist schon mit einkalkuliert. Schnorr hoffte für seine grossformatigen Zeichnungen zum «Orlando furioso» im römischen Casino Massimo auf einen finanzkräftigen Lord, der den gesamten Zyklus erwerben sollte, um dann in England damit den originalen Raum nachzustellen. Dazu kam es nicht. Die Werke wurden schliesslich auseinandergerissen und gingen in zwei Teilen an das Frankfurter Städel und – über den befreundeten Hübsch – in die neu gegründete Karlsruher Kunsthalle.

Ästhetischer und qualitativer Höhepunkt des Rundgangs ist der Überblick über die deutsche Pleinair-Malerei von Blechen bis Böcklin, von den 1820ern bis in die 1850er Jahre. Der Betrachter wird gleich beim Eintritt in Carl Blechens (1798 bis 1840) lehmige Schlucht unterhalb des Benediktinerklosters Santa Scolastica in Subiaco hineingezogen. In erstaunlich modern anmutendem Pinselduktus und kühn nebeneinander gesetzten Farbwerten verarbeitete der Berliner Maler die Eindrücke seiner folgenreichen Italienreise von 1828/29. An diesem Bild müssen sich die anderen Arbeiten des Raumes messen lassen, in denen genau diesen malerischen Errungenschaften im künstlerischen Umfeld der badischen Residenz nachgespürt wird. Und es gelingt ihnen, vor allem den locker, mitunter fast monochrom kolorierten Arbeiten des Heidelbergers Ernst Fries (1801-1833), der in den 1820er Jahren an der Seite des Franzosen Camille Corot (1796-1875) die römische Campagna durchstreifte.

In ungewöhnlichen Ausschnitten und sensiblen Lichtstudien italienischer Motive sammelte auch der Karlsruher Akademiedirektor Johann Wilhelm Schirmer (1807-1863) auf Reisen Material für seine historischen Landschaften. Die Maler fanden sich – das macht die Ausstellung deutlich – immer wieder an den gleichen Orten der Umgebung Roms wieder, und es ist gerade deshalb reizvoll, zu beobachten, auf welche Weise etwa die künstlerischen Interessen von Fries und Schirmer angesichts eines identischen Bildausschnitts im Park von Ariccia auseinandergingen.

Die Nachfrage des anwachsenden Tourismus nach immer neuen Varianten eines bereits in den 1830er Jahren kanonisierten Motivrepertoires der Italienlandschaft dehnte sich auch auf Szenen aus dem Volksleben aus und zog eine Woge der Genremalerei nach sich. Neben dem Vergnügen an pittoresken Szenerien sollten die Bilder der Landbevölkerung in einheimischer Festtracht, von Fischern am Strand oder meditierenden Mönchen das Bild ursprünglichen Lebens vermitteln, das letztlich die mit der italienischen Landschaft verbundenen Paradiesvorstellungen komplettierte.

Zivilisationsferne

Den Künstlern der zweiten Jahrhunderthälfte wird Italien immer mehr zu einem Ort unerfüllter Sehnsüchte. Die nächste Generation der sogenannten Deutschrömer, den aus Speyer stammenden Anselm Feuerbach oder den Schweizer Arnold Böcklin, zieht es auf der Suche nach den Idealen von Ursprünglichkeit und Zivilisationsferne nach Rom und Kampanien. Risse und Spannungen prägen das Werk Feuerbachs, so auch das hoch stilisierte, monumentale Historiengemälde «Das Gastmahl des Plato», dessen erste Fassung 1890 für die Kunsthalle angekauft wurde und dort den Grundstein zur Einrichtung eines Feuerbachsaals bildete.

Auch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert brechen die Italienreisen der Künstler nicht ab. Die Vorstellung vom «klassischen Land» und die sich rasant entwickelnde italienische Zivilisation klaffen jedoch immer weiter auseinander. Symbolisch erscheint die Kampagne des Landschaftsmalers Edmund Friedrich Kanoldt (1845-1904) zur Rettung der berühmten Serpentara, des «heiligen Hains» der deutschen Maler von Olevano, im Jahr 1873. Seine Eichen hatten die Begehrlichkeiten der italienischen Eisenbahn geweckt. Am Ende der spektakulären Aktion wurde das Wäldchen durch das Deutsche Reich angekauft. Der «Viaggio in Italia» jedoch war längst ein anderer geworden.

Viaggio in Italia. Künstler auf Reisen 1770-1880. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Bis 28. November. Katalog: € 34.90.


aus: Gesellschaft Freunde der Künste

Künstler auf Reisen 1770 – 1880:

Viaggio in Italia

zeigt Werke von Jean-Honoré Fragonard, Joseph Anton Koch bis Anselm Feuerbach vom 11.9-28.11.2010 in Karlsruhe

Künstlerreisen nach Italien sind in der Sammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe durch eine immense Fülle von Werken belegt, von denen nun erstmals eine Auswahl vorgestellt wird. „Viaggio in Italia. Künstler auf Reisen 1770 – 1880“ zeigt mehr als 150 Skizzen und Zeichnungen, Aquarelle und Ölstudien, aber auch großformatige Kartons, Gemälde und Druckgraphik.

Vor allem Rom als internationales Kunstzentrum zog Künstler aus ganz Europa an und bildete ein Forum für einen regen Austausch unter Malern, Architekten und Bildhauern. So vereint die Ausstellung unter anderem Werke von Jean-Honoré Fragonard, Joseph Anton Koch, Bertel Thorvaldsen, Julius Schnorr von Carolsfeld, Carl Blechen, Camille Corot, Johann Wilhelm Schirmer, Arnold Böcklin und Anselm Feuerbach.

Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden Landschaftsmotive. Sie beginnt mit einigen Arbeiten französischer Künstler wie Claude Lorrain, Hubert Robert und Jean-Honoré Fragonard. Die jungen Stipendiaten der französischen Akademie in Rom durchstreiften die Campagna in der Nachfolge Lorrains, um zu zeichnen. Künstler wie Fragonard suchten nicht die unberührte, sondern die kultivierte Natur in Form von Parklandschaften, die sich als Kulisse für amouröse und gesellige Szenen eignete. Den französischen Werken werden Arbeiten von deutschen Künstlern wie Jakob Philipp Hackert, Wilhelm Friedrich Gmelin und Joseph Anton Koch gegenübergestellt, für die Italien vor allem aufgrund seiner historischen Dimension und seiner geschichtsträchtigen Stätten zum einzigartigen Anziehungspunkt wurde. Ihnen fehlte das Sammelbecken einer Akademie, doch knüpften sie vereinzelt Kontakte zu ihren Kollegen aus Frankreich und gründeten eigene Zirkel, in denen sie Ideen austauschten.

Angeregt durch naturwissenschaftliche Forschungen, interessierte die Natur in der Vielfalt ihrer Erscheinungen. Wasserfälle, Grotten und Felsmassive gehörten zu den bevorzugten Motiven, die man auf ausführlichen Wanderungen vor Ort studierte. Aus einzelnen Versatz-stücken wurden Landschaften komponiert, die ein harmonisches und ideales Ganzes bilden sollten. Eine Reihe von Druckgraphiken – die „Mahlerisch radierten Prospecte“ – zeugt davon, wie beliebt diese Sujets waren und wie weit sie verbreitet wurden.

Parallel zur Beschäftigung mit der Landschaft und der Antike ließen sich die Künstler im Umfeld der Nazarener von der Malerei der italienischen Frührenaissance inspirieren. In großformatigen Kartons, die als Entwürfe für Fresken dienten und nur wenige Jahre vor der Eröffnung der Kunsthalle erworben wurden, widmeten sich Künstler, unter ihnen Julius Schnorr von Carolsfeld, literarischen Themen wie den großen Epen des Ariost. Zugleich wandten sie sich verstärkt christlichen Motiven zu und schufen verinnerlichte, tief religiöse Kompositionen, die mit Werken von Marie Ellenrieder und Johann Friedrich Overbeck beispielhaft vertreten sind.


In den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts veränderte sich der Blick auf die Natur. Die Aquarelle, Ölstudien und Zeichnungen von Carl Blechen oder Ernst Fries spiegeln die Auseinandersetzung mit der Vielfalt der Natur und die Suche nach einer malerischen Umsetzung des südlichen Lichtes. Dabei faszinierte ein knorriger Baumstamm ebenso wie die Ruine eines antiken Tempels oder eine dramatische Schlucht von Carl Blechen („Blick auf das Kloster Santa Scolastica bei Subiaco“, 1832). Mit Bleistift, in Aquarell oder auch in Öl werden die Eindrücke unmittelbar vor dem Motiv festgehalten. Derartige Studien – beispielsweise auf Capri – werden für Ernst Fries ebenso wie für seinen französischen Kollegen Camille Corot, dem er in Italien begegnete, zum Ausgangspunkt späterer, nach der Rückkehr entstandener Werke.

Von besonderem Interesse für die reisenden Künstler war immer wieder auch der Blick auf das ländliche Leben. Häufig idealisierten sie es als sorgenfreies geselliges Dasein unter südlicher Sonne. Während viele Künstler das Anekdotische in solchen Darstellungen suchten, gestaltete ein so herausragender Porträtist wie Franz Xaver Winterhalter seine „Römische Genreszene“ (1833) als ein Sinnbild von Schönheit und Jugend. Der Spätromantiker Anselm Feuerbach idealisierte seine Lebensgefährtin Nanna Risi 1861 in einem Bildnis zu einer antikisch anmutenden Gestalt.

Ihre Fortsetzung findet die Landschaftstradition in den Werken Johann Wilhelm Schirmers, der 1839/40 nach Italien reiste. Auf der Suche nach Motiven zeichnete und malte er im Freien. Dabei geben seine Arbeiten nicht immer einen spontanen Natureindruck wieder. Viele seiner Ölstudien komponierte er sorgfältig und überarbeitete sie zum Teil mehrfach. Schirmer, der erster Direktor der Karlsruher Akademie wurde, prägte als Lehrer mit seiner Italienbegeisterung die nachfolgende Künstlergeneration entscheidend.

Zu seinen Schülern – damals noch an der Düsseldorfer Akademie – gehörte nicht zuletzt Arnold Böcklin, für den Italien zur werkbestimmenden Inspirationsquelle und wiederholt zum Lebensmittelpunkt wurde. Für die jüngere Künstlergeneration, zu der Emil Lugo und Edmund Kanoldt zählten, blieb die Landschaftsmalerei der vorangegangenen Jahrzehnte vorbildlich.

Ein eigener Raum ist den Karlsruher Architekten gewidmet, die nach Italien reisten und dort nicht nur die Bauwerke skizzierten, sondern auch malerische Ansichten schufen. Die Spannbreite reicht von Friedrich Weinbrenner, der das Stadtbild Karlsruhes um 1800 mit seinen Bauten wesentlich bestimmte, bis hin zu Josef Durm, dessen Formensprache sich nicht mehr an der klaren Strenge der Antike orientierte, sondern durch die überbordende Dekorationsfülle des Manierismus beeinflusst wurde.

Die Karlsruher Ausstellung schöpft aus einem Fundus, der bereits vom badischen Fürstenhaus angelegt wurde. Vor allem Großherzog Leopold, der Italien als junger Mann auf seiner „Grand Tour“ gründlich kennengelernt hatte, förderte Künstler, vergab Reisestipendien und erwarb italienische Ansichten. Als Bauherr der Kunsthalle in Karlsruhe wählte Leopold mit Heinrich Hübsch einen Architekten, dessen Stil auf klassische Vorbilder der italienischen Baukunst referierte. Das Gebäude bildet somit einen idealen Rahmen für eine Ausstellung,in der der Italiensehnsucht jener Zeit nachgespürt wird.

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~ von Panther Ray - November 5, 2010.

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