Monet im Grand Palais.

gekürzt aus Neue Zürcher Zeitung, 21. Oktober 2010
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In der Naherholungszone

Eine grosse Retrospektive zu Claude Monet im Pariser Grand Palais

Claude Monet hat das Licht studiert, um den Effekt seiner Bilder zu optimieren und so Gegenwelten anzubieten, in denen sich der Blick von den Zumutungen des modernen Lebens erholen kann. Das lässt sich derzeit gut in Paris überprüfen.

Von Samuel Herzog

Wenn wir einen von grün leuchtenden Bäumen gesäumten Fluss, einen Seerosenteich oder auch nur einen Garten voller Blumen sehen, dann bildet sich auf unseren Lippen neben allerlei Seufzern des Wohlgefallens auch gelegentlich der Satz: «Das ist ja fast ein Monet.» Der Name «Monet» wird dabei gleichsam zu einem Synonym für das etwas schwierige Wort «schön». Interessant ist aber vor allem auch das «fast». Es meint einerseits, dass uns Bäume, Garten oder Teich «fast» wie gemalt erscheinen. Andererseits sagen wir damit aber auch, dass das Stück Welt vor uns zwar schön sei, aber doch nicht ganz so schön wie bei Monet.

Wie prachtvoll die Welt bei Monet ist, zeigt derzeit eine Schau im Pariser Grand Palais (bis 24. Januar 2011) – mit 176 Gemälden eine der umfangreichsten Ausstellungen, die dem Maler in den letzten Jahren gewidmet worden sind. Natürlich fehlen trotzdem ein paar wichtige Bilder – die eponyme «Impression, soleil levant» von 1872 etwa hat das Musée Marmottan nicht verlassen dürfen, die berühmte «Japonaise» ist in Boston geblieben, usw.

«Monet», wie die Ausstellung ebenso schlicht wie gewaltig heisst, ist nicht chronologisch geordnet, sondern nach Themen: Sie beginnt mit den Seestücken aus der Normandie und führt über «Argenteuil et les environs de Paris» nach Vétheuil (1878–1881), um wieder an den Atlantik zurückzukehren, dann «Sur les rives de la Méditerranée» zu verweilen und nachher die Belle-Ile-en-Mer und la Creuse anzulaufen. Es folgen Kapitel zum Stillleben, zu den Figurenbildern und Porträts, zu den seriellen Werken der 1890er Jahre (Heustöcke, Pappeln in Giverny, die Kathedrale von Rouen, die japanische Brücke in seinem Garten in Giverny). Eine nächste Abteilung versammelt besonders romantische Szenen unter dem Titel «Sous l’emprise des souvenirs, du rêve et de la nostalgie», dann folgen London, Venedig, Garten- und Seerosenbilder sowie zuletzt «L’envolée des Nymphéas». Die Ausstellung zeigt ausschliesslich Gemälde und keinerlei Skizzen, kaum Fotos und nicht ein einziges Dokument. Sie macht damit deutlich, dass sie keine didaktischen Absichten verfolgt und keine Studienausstellung sein will: Es geht schlicht um impressionistische Prachtentfaltung, um ungebremste Monetmentalität.

Dass die Wirklichkeit, heute zumindest, nie so schön ist wie bei Monet, hat zunächst natürlich damit zu tun, dass Bilder meist nur einen optimalen Ausschnitt der Welt präsentieren – eine Konzentration auf eine bestimmte Perspektive, die in der Regel alles Störende auslässt: die Autobahn in unserem Rücken, die Teenager mit ihrem Ghetto-Blaster neben uns, die mit Schlamm gefüllte PET-Flasche zu unseren Füssen. Gern und oft hat die Kunstgeschichte darauf hingewiesen, dass auch bei Monet gelegentlich am Horizont unendlicher Getreidefelder ein Fabrikschlot erscheint (zum Beispiel in «Chemin dans les vignes, Argenteuil» von 1872) – aber er erscheint eben meist am Horizont, in einer anderen, fernen Realität. Selbstverständlich hat Monet auch städtische Szenen gemalt. Aber gerade dort, wo das beginnende Industriezeitalter am heftigsten pocht, in einem Bahnhof nämlich, wo die Lokomotiven ein und aus rattern, interessiert er sich eigentlich nur für Dampf und Rauch, also gewissermassen für jenen Teil der neuen mechanischen Welt, der so etwas wie ein Naturphänomen produziert. Als er 1877 in der Pariser Gare Saint-Lazare malte, sollen die Loks auf seinen Wunsch hin gar zusätzlichen Dampf abgelassen haben.

Der kostbare Moment

Interessant sind vor diesem Hintergrund auch einige seiner Figurenbilder – allen voran «Camille Monet sur son lit de mort» von 1879. Die Frau, die der Maler 1870 geheiratet hat, liegt mit geschlossenen Augen und offenem Mund da, bleich in einem Meer aus Laken. Ihr Körper ist unter den weissen, rosafarbenen, gräulichen und bläulichen Strichen, mit denen Monet die Bettlaken gemalt hat, kaum mehr als eine Ahnung. Monet malt seine sterbende Gattin also im Grunde wie eine Schneelandschaft, wie «La Pie» von 1869 etwa, wo die Strukturen der Landschaft unter dem Schnee nur noch Andeutung sind und sich das Licht des Himmels mit seinen bläulichen und rosafarbenen Schattierungen im Weiss der Decke bricht.

Dass uns die Welt bei Monet oft besonders schön erscheint, hat auch mit den Momenten zu tun, die er für seine Bilder wählt: Oft sind es besonders flüchtige Zustände und auch solche, in denen sich die Landschaft bis zu einem gewissen Grad entzieht. Er malt die Klippen von Etretat bei Sturm («Grosse mer», 1869), den Hafen von Le Havre bei Nacht (1873), begeistert sich für das Aufbrechen des Eises bei Vétheuil (1880) und immer wieder natürlich für die Abendstimmung, den Sonnenuntergang: von der «Seine à Bougival» von 1870 bis zu den letzten Bildern aus Giverny. In «Soleil d’hiver, Lavacourt» von 1880 interessiert ihn das alle Formen der Landschaft verschleiernde Licht der späten Wintersonne, und in Varengeville malt er zur Mittagsstunde, wie hellste Sonne die Nuancen verschluckt («Petit Ailly», 1897). Immer wieder begeistert er sich für Dunst und Nebel, vor allem natürlich in seinen Serien aus London, aber auch an der Seine entstehen manch zauberhaft verhangene Flusslandschaften, und sogar in Venedig hat sich zwischen Monets Blick und die Paläste ein seltsamer Schleier gelegt.

Was flüchtig ist, das kommt uns oft besonders wertvoll vor – und was sich vor unserem Blick halb verbirgt, scheint uns besonders interessant. Monet hat diesen Umstand genutzt, um Bilder zu schaffen, in denen sich unser Auge wohl fühlt, in denen uns die Welt so berührt und beruhigt wie in einer schönen Parkanlage. Natürlich hat er die Effekte des Lichts studiert – sicher aber auch mit dem Ziel, den Effekt seiner Bilder zu optimieren. Vielleicht hat er die Natur auch analysiert – vor allem aber hat er sie als Maler dirigiert, sie sich apropriiert, seine Vorstellungen auf sie projiziert. Gewiss war Monet ein «Peintre de la vie moderne» (Baudelaire) – vor allem aber war er auch einer, der mit seinen im besten Licht erscheinenden Landschaften, Gärten und Blumen dem Blick Erholung bot von den Anstrengungen ebendieser «vie moderne». Monet war einer, der mit viel Geschick Naherholungszonen für die Wand schuf – was seine Zeitgenossen ebenso zu schätzen wussten wie die Besucherströme, die sich heute durch den Grand Palais drücken. Wer sich die Zeit nimmt, im Anschluss an die Ausstellung Monets «Nymphéas» in der nahen Orangerie zu besuchen, staunt dann doch, wie weit er dabei gegangen ist.

The Good, the Bad and the Ugly

Wenn es in der Kunstgeschichte das Gute gibt, dann sind das zweifellos die Impressionisten, die uns heute fast als die Verteidiger einer modernen Welt vorkommen – wobei ihre Moderne wenig mit den Schrecken der Industrialisierung zu tun hat und eher ausserhalb der wüsten Zonen unserer Städte stattfindet: Pleinairismus statt stinkender Schlote, eine Bio-Moderne sozusagen. …

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Nota.

Lieber Leser, Sie werden finden, dass die Bilder, die ich für diesen Eintrag ausgewählt habe, nicht recht zum Tenor des Textes passen. Ich nehme auch an, dass sie nicht im Grand Palais hängen. Dort wird man andere gewählt haben. Sonst hätte der Autor der NZZ einen andern Text schreiben müssen.

Mit andern Worten, auch die Mitarbeiter der NZZ greifen manchmal daneben.

J. E.

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~ von Panther Ray - Oktober 22, 2010.

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