Carl Wilhelm Kolbe

11. September 2010, Neue Zürcher Zeitung

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Riesenkräuter und Monsterbäume

Druckgrafik und Zeichnungen von Carl Wilhelm Kolbe im Kunsthaus Zürich

Wer war Carl Wilhelm Kolbe? In einer kleinen Ausstellung im Kunsthaus Zürich lässt sich der «Surrealist avant la lettre» wiederentdecken. Vor 200 Jahren kam der Radierer aus Dessau nach Zürich, um die Gouachen Salomon Gessners zu kopieren.

Von Urs Steiner

Eine Ausstellung von Druckgrafik hat für ein Museum selten das Potenzial eines Publikumsmagneten. Die kleine Schau im Kabinett des Kunsthauses Zürich über den exzentrischen Landschaftsgrafiker Carl Wilhelm Kolbe (1759–1835) jedoch könnte sich als Ausnahme von der Regel erweisen. Denn der Hofkupferstecher im Dienste des Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau hat im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Blätter geschaffen, deren ästhetische Wucht auch heute noch fasziniert. Ihre kunsthistorische Bedeutung hingegen wurde erst im 20. Jahrhundert nach und nach erkannt und verstanden.

Lustvolles Wuchern

Carl Wilhelm Kolbe, ein Verehrer Salomon Gessners, reiste im Sommer 1805 auf Einladung der Familie des Dichters, Malers und Verlegers für zuerst zwei Jahre nach Zürich, um die Gouachen aus dem Nachlass des Universalgenies als Radierungen zu kopieren – es wurden dann drei Jahre daraus. In Salomon Gessner erkannte Kolbe einen Geistesverwandten, hatte der Zürcher doch in seinem letzten Lebensjahrzehnt frei erfundene Gouache-Landschaften geschaffen.

Der aufgeklärte deutsche Fürst gewährte seinem bei Hofe angestellten Künstler diese Studienreise nach Zürich nicht zuletzt aus bildungspolitischen Gründen: Leopold wollte Dessau als Zentrum zeitgenössischer Grafik etablieren – und dazu gehörte die Publikation günstiger Blätter mit Motiven klassischer Meisterwerke.

Der in Berlin geborene Künstler Carl Wilhelm Kolbe hatte nach einem eher lustlos absolvierten akademischen Figurenstudium die künstlerische Freiheit in Radierungen phantastischer Landschaften gefunden. Auf seinen Darstellungen liess er lustvoll «Riesenkräuter und Monsterbäume» spriessen. Seine surrealistisch anmutenden Landschaften mit hypertropher Vegetation sind einerseits akribisch beobachtete Darstellungen der Natur, anderseits wuchern bei ihm die Gewächse ins Monumentale und Groteske.

Kein wirklicher Wald

Die Inspiration dazu holte sich Kolbe auf täglichen Waldspaziergängen, wo er sich die Formen und Schattierungen der Vegetation einprägte und daraus seine eigene Flora in frei erfundenen Szenerien schuf. Nichts ist bei ihm wie im wirklichen Wald – ausser dem Geist des üppigen Lebens. Selbst die abgebildeten Architekturfragmente sind seltsam zeit- und ortlos, lassen sich nicht einordnen. Durch diese Absage an die akademische Kunst des mimetischen Nachahmens drückt sich allerdings auch eine politische Haltung aus – die geradezu modern anmutende Hoffnung auf eine neue Freiheit.

In Zürich fiel der Exzentriker aus dem Norden Deutschlands durchaus positiv auf: Wie Bernhard von Waldkirch, Kurator der Ausstellung im Kunsthaus, erklärt, war Kolbe in Zürich so beliebt wie stadtbekannt. In der Limmatstadt erlebte der Künstler, wie er in seiner Autobiografie später schrieb, die glücklichste Zeit seines Lebens. Die Gesellschaft der Künstler und Kunstfreunde Zürichs, wie sich die Zürcher Kunstgesellschaft damals noch nannte, führte ihn ins kulturelle Leben ein. Im Protokoll der Vereinigung wurde Kolbe anlässlich seiner Rückkehr nach Deutschland entsprechend aufs Herzlichste verabschiedet und zum Ehrenmitglied auf Lebenszeit ernannt. Kolbe bedankte sich mit der Kreidezeichnung eines geheimnisvollen toten Weidenstamms – einem Werk, das danach während 200 Jahren praktisch unbemerkt in der Grafischen Sammlung des Kunsthauses schlummerte.

Höhlungen und Knospen

Erst mit der Werkschau zu Carl Wilhelm Kolbe, von der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau konzipiert und in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus realisiert, erwachte das Interesse an dem knorrigen Gewächs, das mit seinen unzweideutigen Höhlungen und knospenden Rinden geradezu pornografische Assoziationen erzeugt.

Der Zürcher Baumstrunk korrespondiert mit zwei knapp dreissig Jahre später entstandenen Radierungen von toten Eichenstämmen, die im Zentrum der Ausstellung stehen. Winzige Figuren unter den Baumleichen auf diesen Grafiken illustrieren die Grössenverhältnisse, betonen aber auch die Unausweichlichkeit des Zerfalls einst mächtiger Gehölze. Dass mit der Darstellung auch Trauer über den Verlust des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einherging, das unter dem Druck der napoleonischen Kriege während Kolbes Aufenthalt in Zürich 1806 zusammengebrochen war, kann als versteckte politische Dimension des Stumpfes verstanden werden.

Steter Hinweis auf den Tod

Das Vanitas-Motiv erscheint aber bereits in früheren Bildern mit ihren stets etwas «angefressenen», leicht welken Riesenblättern, unter denen sich Liebende zum Turteln finden. «Ergänzt und gestört werden die mal zartfühlenden, mal erotischen Verweise auf die Liebe durch den steten Hinweis auf Tod und Vergänglichkeit», schreibt Agnes Thum im dichten, reich bebilderten Ausstellungskatalog. Trauermonumente wie Urne, Amphore und Sarkophag seien hier ebenso zu nennen wie die Überwucherung und die melancholische Typisierung der elegischen Einzelfiguren.

Namhafte Kunsthistoriker beleuchten im Katalogbuch das Lebenswerk Carl Wilhelm Kolbes aus allen Winkeln so facettenreich, dass man die Ausstellung nach der Lektüre gerne ein zweites Mal besuchen möchte. Unerwartet ist dem Kunsthaus mit dieser Ausstellung somit ein «Blockbuster» gelungen. – Schön wär’s jedenfalls.

Zürich, Kunsthaus, bis 28. November. Katalog Fr. 59.–.

aus: Mitteldeutsche Zeitung

Kolbe erfährt überfällige Würdigung

erstellt 26.11.09, 20:10h, aktualisiert 26.11.09, 21:07h

DESSAU/MZ/SB. Es ist selten, dass ein Fazit vorweggenommen wird. Norbert Michels tut es trotzdem. „Mit dieser Ausstellung wird Carl Wilhelm Kolbe zu einem festen Begriff in der Kunstgeschichte um 1800 herum“, sagt der Direktor der Anhaltischen Gemäldegalerie und macht ein kurze Pause, um dann einen Satz anzufügen. „Das war längst überfällig.“

Anlässlich des 250. Geburtstages Kolbes wird am Sonnabend, 18 Uhr, im Festsaal des Schlosses Georgium eine große Jubiläumsausstellung eröffnet, die bis 31. Januar 2010 in der Orangerie zu sehen sein wird und schon jetzt als eine kleine Sensation gilt. „Wir können mit vielen Werken aufwarten“, kündigt Michels an, „die bislang noch gar nicht bekannt sind.“ 145 sind insgesamt zu sehen.

Der 1759 geborene Carl Wilhelm Kolbe ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Kunst um 1800 – und doch bislang noch relativ unbekannt. „Es gab eine Dissertation aus den frühen 70er Jahren und noch eine Magisterarbeit“, sagt Michels. Doch es brauchte das jetzige Jubiläum für intensivere Forschungen.

Der einst am Philanthropinum in Dessau tätige Künstler wurde zunächst durch die Idyllen des Schweizer Maler-Poeten Salomon Gessner bekannt, dessen Gouachen er kongenial in Radierungen umgesetzt hat. „Doch Kolbe ging mit seinem eigenen künstlerischen Schaffen weit über die ausgetretenen Pfade der arkadischen Idylle des 18. Jahrhunderts hinaus“, sagt Michels. Neben seinen Baumdarstellungen aus der Auenlandschaft des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches, die ihm den Spitznamen „Eichen-Kolbe“ einbrachte, habe der Künstler durch die Darstellung einer sich verselbstständigenden Natur überrascht. „Den ewigen Zyklus des Werdens und Vergehens der Natur schildert Kolbe ebenso mit erotischen wie skurril-bedrohlichen Fantasien“, analysiert Michels. Kolbes zukunftsweisendes Programm habe darin bestanden, die Wirkkräfte der Natur durch Überwindung der realen Maßstäbe ausdrucksstärker zu erfassen, um so das ursprüngliche und uneingeschränkt Schöne von Fauna und Flora aufzudecken. „Durch seine nahezu surrealen Szenerien hat er eine in Richtung der Moderne weisende Initialzündung für die Überwindung der klassischen Landschaftsauffassung geleistet.“

Der Ausstellung gingen Forschungen voraus, die Gelder des Ernst-von-Siemens-Kunstfonds (43 000 Euro), des Landes (17 000 Euro) und der Stadt (17 000 Euro) ermöglicht haben und die zu manchen Überraschungen führten. Im Geheimen Staatsarchiv Berlin und im Zentralarchiv der Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wurden 300 bislang unbekannte Manuskripte entdeckt, die Einblicke in Kolbes Denken gaben und ihn als ausgesprochen politisch und patriotisch motivierten Menschen erscheinen lassen. „Wir wissen beispielsweise endlich, wie Kolbe zum Fürsten stand“, sagt Michels. „Nämlich sehr kritisch.“

Die neue Erkenntnisse lassen neue Rückschlüsse zu, die Aufnahme fanden in einen 320 Seiten starken Katalog, für den 16 namhafte Autoren Gastbeiträge geschrieben haben. „Kolbes Landschaften sind alles andere als bloße Heimatkunst oder klassische Attitüde der Goethezeit, Kolbe ist alles andere als ein besserer Heimatmaler“, lobt Michels Kolbe als „einen ausgesprochen moderner Künstler, der weit über seine eigene Epoche hinausgewiesen hat.“ Dafür spricht, dass die Dessauer Ausstellung im Anschluss noch im Schloss Neuhaus Paderborn und im Kunsthaus Zürich zu sehen ist.

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~ von Panther Ray - September 12, 2010.

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