(Entstehung des Kunstmarkts in Holland.)

aus: Neue Zürcher Zeitung, 23. 2. 10

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Verborgene Schätze des Nordens

Holländische und flämische Malerei aus den Depots des Genfer Musée d’art et d’histoire

Unter dem Titel «L’art et ses marchés» präsentiert das Genfer Musée d’art et d’histoire flämische und holländische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts – zur Hauptsache aus eigenen Beständen.

Marguerite Menz

Erschöpft von der Jagd, sind Diana und ihre drei Gefährtinnen nach einem erfrischenden Bad neben ihrer Beute eingeschlafen, ohne zu bemerken, dass sich von hinten zwei männliche Wesen angeschlichen haben: Lüstern betrachten Aktaion und ein Satyr die sich darbietenden üppigen nackten Körper. Aktaion wird seine Indiskretion bitter büssen müssen und, von der erbosten Göttin in einen Hirsch verwandelt, von den eigenen Hunden zerfetzt werden. «Le repos de Diane» ist 1852 von der Stadt Genf von einem Pariser Händler erworben und als Rubens katalogisiert an prominenter Stelle im Musée Rath ausgestellt worden. Doch der Ruhm des imposanten Gemäldes dauert nicht lange, schon 1887 wird es als Atelierarbeit zurückgestuft, wobei angenommen wurde, dass zumindest der stilllebenartige Vordergrund und die Tiere von Frans Snijders, einem Mitarbeiter des grossen flämischen Meisters, gemalt worden sind. 1902 erneut als Rubens deklariert, fällt es 1928, nach seinem Umzug ins neue, 1910 eröffnete Musée d’art et d’histoire, endgültig in Ungnade, wird in den Konferenzraum relegiert, um schliesslich als «französische Kopie des 17. Jahrhunderts» im Depot des Museums zu verschwinden.

Dass es jetzt wieder unter der Bezeichnung «Pierre Paul Rubens et atelier avec la collaboration de Frans Snijders» in neuem Glanz inmitten von 114 weiteren flämischen und holländischen Bildern in einer Ausstellung zu sehen ist, ist das Resultat einer langjährigen exemplarischen Zusammenarbeit zwischen dem Museum und der Genfer Universität.

Überraschende Entdeckungen

2005/2006 hatte das Musée d’art et d’histoire unter dem Titel «La naissance des genres» seine Bestände an niederländischer Malerei vor 1620 präsentiert. Damals wie heute hiess der Ausstellungskommissär Frédéric Elsig. Zusammen mit seinen Studenten hat sich der Assistenzprofessor für Kunstgeschichte dieses Mal der mehrheitlich verborgenen Schätze aus dem 17. und 18. Jahrhundert angenommen und rund 230 Gemälde wissenschaftlich analysiert und in einem Katalog veröffentlicht. Sämtliche Bilder wurden bei dieser Gelegenheit im Labor des Museums geprüft und zum Teil – wie im Fall des grossen Rubens – unter der Leitung von Victor Lopes restauriert. Hie und da machte man dabei überraschende Entdeckungen. Etwa bei dem wunderschönen Familienporträt des Rembrandt-Schülers Nicolaes Maes (1634-1693). Bisher wusste man, dass es sich beim Vater der drei Kinder um einen der Brüder van den Brandelaer aus Dortrecht handelte, die 1665 das im Hintergrund sichtbare Lustschloss geerbt hatten. Auf einer Röntgenaufnahme kam nun der Name der Ehefrau, Margaretha Crillaerts, zum Vorschein. Damit war die Familie eindeutig identifiziert, und das Bild konnte sicher in die Zeit zwischen der Geburt der jüngsten Tochter, 1669, und dem Tod der Mutter, 1672, datiert werden.

Bei der Reinigung eines anderen Werkes, eines Männerbildnisses, das 1828, Bartholomeus van der Helst zugeschrieben, aus der Sammlung Jacob Duval ins Musée Rath gelangte, wurde eine Signatur freigelegt, die von einem anderen Zeitgenossen Rembrandts, nämlich Jacob Adriaensz Backer (1608-1651), stammt. So wird man sich nicht wundern, wenn man beim Gang durch die reiche, nach Gattungen geordnete Ausstellung bemerkt, dass die alten, auf den Rahmen befestigten Schilder nicht immer mit den neuen Beschriftungen übereinstimmen.

Professionalisierung des Marktes

Aufmerksamen Besuchern wird auch nicht entgehen, dass die Mehrheit der Gemälde als Schenkungen in den Besitz des Museums gekommen ist; allein über hundert Werke gehörten einst dem bekannten Mäzen Gustave Revilliod (1817-1890), der der Stadt Genf nicht nur das Musée Ariana, sondern auch seine umfangreiche, enzyklopädische Sammlung vermacht hatte. Die flämische und die niederländische Malerei erfreuten sich bei Genfer Sammlern seit dem 18. Jahrhundert grösster Beliebtheit. Gekauft wurde bei Händlern im In- und Ausland. Der Kunstmarkt hatte sich, seitdem sich nicht nur Adelige und Kirchenfürsten Kunstwerke leisten konnten, rasant entwickelt und professionalisiert. Dabei spielten, wie Elsig im Katalog ausführlich darlegt, im 17. Jahrhundert gerade die Niederlande, speziell die Börsenstadt Amsterdam, eine führende Rolle. Nicht selten bestimmten schon damals öffentliche Auktionen die Preise und den Marktwert eines Künstlers. Ein Modell, das später von den zwei grossen, 1744 bzw.1766 in London gegründeten Auktionshäusern, Sotheby’s und Christie’s, übernommen wurde.

Auf eine Frage gibt es im Katalog keine Antwort: Was geschieht mit diesem bedeutenden Ensemble nach Abschluss der Ausstellung? Die derzeitigen Platzverhältnisse im Musée d’art et d’histoire lassen befürchten, dass alles mit wenigen Ausnahmen wieder ins Depot verbannt wird – sicher ein abschreckendes Signal für zukünftige Donatoren. Nur ein seit Jahren von Jean Nouvel geplanter Erweiterungsbau könnte Diana und die drei Nymphen vor dem ewigen Schlaf in der Unterwelt bewahren.

L’art et ses marchés. La peinture flamande et hollandaise (XVIIe et XVIIIe siècles) au Musée d’art et d’histoire de Genève. Bis 29. August 2010. Katalog Fr. 75.-.

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~ von Panther Ray - Februar 24, 2010.

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