Zeichnung, Symbol, Kunst.

———————————————Der Mensch ist das Tier, das zeichnen kann. Ludwig Klages.

Die Zeichnung ist zunächst nicht Abbild, sondern Symbol. Das Kind, das einen Kopf, einen Bauch, zwei Beine und zwei Arme kritzelt, gibt den Menschen nicht so wieder, „wie er ist“, sondern es bringt Linien zu Papier, die einen Menschen bedeuten. Dieses Bild ist Symbol für etwas, das damit gemeint ist. Es ist eine Aufforderung an die Vorstellung, das Ihre hinzu zu tun. Das ist dem Kind auch gewärtig, denn es fragt: „Kann man das erkennen?“ Es hat den Menchen nur be-zeichnet, und weiß das.

Es ist keine Sache der handwerklichen Technik. Der versierte Künstler mag immer noch mehr und mehr Details hinzufügen, bis zu fotographischer Genauigkeit. Und doch sieht der Betrachter nur, worauf es der Maler abgesehen hatte – und tut in seiner Vorstellung gegebenenfalls das Seinige hinzu. Der Mensch kann zeichnen, weil er auf etwas absehen kann.

Das ist der Charakter der bildenden Kunst bis zur Renaissance. Erst seither gehören „Schönheit und Natürlichkeit“, wie Vasari sagt, zunächst neben und dann vor der Bedeutung des Bildes zu den Erwartungen, die an die Werke gestellt werden. Zuvor, seit dem Wiederentstehen einer figürlichen Kunst nach dem Untergang des römischen Reichs, hatten die Bilder lediglich ‚eine Geschichte zu erzählen‘; eine biblische Geschichte oder eine Heiligenlegende, die den des Lesens (und des Lateins) unkundigen Menschen die Lehren ihrer Religion veranschaulichen konnten.

Ästhetische Gesichtspunkte standen ganz im Dienst dieser – außerästhetischen – Bedeutung. Was immer die religiöse Botschaft verdeutlichen konnte, wurde in Dienst genommen, und noch das geschmackliche Gefallen wurde ein Mittel der Erbauung. Selbst wo – in der Hochgotik – das Dekorative nicht länger verschmäht wird, bleibt die Kunst symbolisch: ‚bedeutend‘. Unabhängig von Farben und Formen bleibt sie ‚Zeichnung‘.

Seit der Renaissance hat sich das Verhältnis langsam, aber stetig umgekehrt.

Auf dem Höhepunkt der Renaissance wurde der Buchdruck erfunden Nicht übrigens, um die Herstellungskosten von Büchern zu senken und die Kunst des Lesens unters Volk zu tragen, sondern aus ästhetischen  Gründen. Das erste gedruckte Buch war Gutenbergs Bibel. Die unvermeidlichen Abweichungen zwischen und vor allem innerhalb der handschriftlichen Kopien profanierten die überzeitliche Geltung von Gottes Wort. Diesem Übelstand konnten die beweglichen Lettern abhelfen. Aber die Zeit wusste aus der Erfindung das ihr gemäße zu machen. Die Reformation konnte nur darum den Glauben auf „nichts als die Heilige Schrift“ gründen, weil sie inzwischen überall zu haben war.


Gutenbergs Bibel war wie die gleichzeitigen Handkopien noch von bunten Bildern erfüllt, und lange mochte man nicht ganz darauf verzichten, denn auf das Lesen allein war noch kein Verlass. Doch die Revolution des Buchdrucks hat den Bedeutungen der Begriffe im geschriebenen Wort ihre wahre Heimstatt erschaffen. Auf die Dienste der Kunst waren sie nicht mehr angewiesen. Die konnte allenfalls noch als Verzierung, als Prunk hinzutreten. Aber das entwertete sie und die Künstler. Geistliche und weltliche Würdenträger mögen selten darauf verzichten, aber auf dem sich entfaltenden Markt fanden die Künstler inzwischen andere Abnehmer ihrer Werke, und eine rein-ästhetische Kunst wurde möglich, die „nichts als sich selbst bedeuten“ und gefallen wollte.

Das dafür am besten geeignete, weil von allen lebenspraktischen Bedeutungen am wenigsten durchzogene Sujet war „die unberührte Natur“, die lediglich zu zeichnen war – aber noch von mythischen Gestalten durchgeistert, die sie gegebenenfalls gegen die Ansprüche der wirklich herrschenden Religion in Schutz nehmen konnten.


Die erste bürgerliche Revolution den Geschichte, die Unabhängigkeit der Niederlande, schaffte einen Markt, auf dem auch das nicht mehr nötig war. Es entstand die Landschaftsmalerei als selbstständiges Genre. Und in der Vordergrund trat die Zeichnung selbst. Denn das bloße Abbild ist an sich ohne Symbolik; es ist lediglich ästhetisch. Die Vorstellung, dass Kunst lediglich um ihrer selbst da sei, konnte sich seither breitmachen.

In den Bedeutungen ist eingefangen, was, wieso und wozu die Dinge für mich sind. Von den Bedeutungen abstrahieren ist von mir selbst absehen. Die Dinge so ansehen, wie sie ohne allen Bezug auf mich und lediglich ‚an sich‘ erscheinen, heißt sie ästhetisch ansehen. „Im ästhetischen Zustand ist der Mensch null“, sagt Schiller. Weil der Mensch gelernt hat, die Bedeutungen der Dinge von ihrem Anblick abzusondern und in begrifflichen Systemen zu objektivieren, konnte er einen bloßen Anblick der Dinge gewinnen, der ihnen ihre Bedeutungen für sich lässt. Erst die Verwissenschaftlichung des Lebens hat die Voraussetzung geschaffen für eine Ästhetisierung der Welt.




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~ von Panther Ray - Januar 18, 2010.

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