Ein romantischer Expressionist: Constable

Der Pionier der modernen Landschaftsmalerei – und damit, wie sich finden wird, der modernen Malerei überhaupt – war John Constable (1776-1837). Etwas anderes als Landschaften malte er nicht – wie vor ihm nur die Holländer des Goldenen Zeitalters. Zwar hatte er zu Lebzeiten nie wirklich Erfolg, aber als man ihn schließlich doch zum Ehrenmitglied der Royal Academy machte, hatte er immerhin die Landschaftsmalerei in England als eine selbstständige Kunstgattung durchgesetzt – während auf dem Kontinent noch Rokoko-Idyllen und klassizistische Historienschinken vorherrschten.

Obwohl auch er Claude Lorrain studiert hat, ist ein italienischer Einfluss bei ihm nicht wahrzunehmen, und er war auch nie in Italien – nicht einmal am Rhein. Seine Landschaften sind nicht heroisch, sondern ausdrucksstark; und sie sind real: Am liebsten malt er seine unmittelbare Heimat, die Grafschaft Suffolk.

Flussufer

Er schließt sich ungebrochen an die holländischen Tradition an, italienischer Geschmack, italienische Versatzstücke, gar italienisches Licht werden nirgends sichtbar.

John Constable, Epsom

Das ist hier keine Constable-Werkschau, dafür reicht selbst bei WordPress der Platz nicht. Ich suche ein paar Stücke heraus, an denen besonders sichtbar wird, was Constable zu meinem Thema beigetragen hat – nämlich zur Entbindung des rein-Ästhetischen aus seinen sachlich-thematischen Zusammenhängen: indem er die spezifischen künstlerischen Möglichkeiten der Landschaftsmalerei ein kleines Stück weiter ent-deckt hat.

Ich behandle zum Beispiel nicht, dass Constables Landschaft immer die Wohnstatt des Menschen ist, weshalb seine Stücke oft eine Spur von Genremalerei haben. Das wird auf den großformatigen Bildern deutlich, die für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Das Publikum sollte erkennen können, was der Maler zeigen wollte. Hier geht es aber mehr darum, was Constable in den englischen Landschaften sehen wollte, und das erkennt man  auf den skizzenhaften Gelegenheitsarbeiten besonders gut.

John Constable, The Stour

Linien, die die Körper begrenzen, gibt es gar nicht mehr. Die Pinselführung ist derb, auch der Lichteinfall wird nicht genutzt, um auf der Leinwandfläche eine Tiefe des Raumes vorzutäuschen, die Farbflächen – d.h. die Farbstreifen liegen unverholen nebeneinander, und ungeniert wird nicht das gemalt, ‚was wirklich da ist‘, sondern die „Stimmung“ – das, was die Landschaft ausdrücken zu wollen scheint. Und immer ist es ein herber, mitunter düsterer Ausdruck, den Constable seinem Land abgewinnt. Heiter, verspielt, lieblich? Das ist vielleicht Italien. Die Nebelinsel in der Nordsee kann froh sein, wenn er ihr auf den Bildern, die er verkaufen will, ein paar Sonnenstrahlen gönnt. Für den Eigengebrauch tut er  nicht einmal das.

Constable, Kähne auf dem Stour

Ein Romantiker ist er, allerdings; aber ein expressionistischer.

john constable-seestuck-m-regenwolken-1827

condron.us

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~ von Panther Ray - April 8, 2009.

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